Von Rückzug und anderen Lügen. Eine Innenschau.


"Er zieht sich von mir zurück."

Ein Gedanke.

Ein Gedanke - wie Gift. Langsam tröpfelndes Gift.

Er tröpfelt in mich hinein und breitet sich in mir aus. Eine Kälte durchzieht mich, Schwere, Trauer, Verlust.

Wie alt ist der Gedanke? Uralt. Asbach Uralt. Steinzeitalt.

Vor ihm war es er und er und er auch. Und auch sie und sie und sie haben sich schon zurückgezogen von mir. Und da ist er nun wieder. Nein nicht er, auch nicht sie, aber der Gedanke.

Hallo Gedanke!

Zurück in die Gegenwart. Mein Körper, vergiftet durch diesen einen Gedanken. Meine Beweise? Ohhhh vieeele, gaaaaanz viele. Und überhaupt. eine Frau spürt so etwas, nicht wahr?

Ich scanne sie durch, all die Beweise und beschließe mich auf einen zu focussieren, einen Moment in der Zeit, eine Situation: Er fragt nicht, wann wir uns wiedersehen.

Meine Interpretation dazu: "Er zieht sich von mir zurück."

Zeit für The Work of Byron Katie. Fragen zum Innehalten und Untersuchen.

"Er zieht sich von mir zurück."

1. Ist das wahr?

Ich gehe mit der Frage, lasse sie in mich hineinkriechen, beobachte, wie mein Verstand versucht, sie rational zu beantworten. Er findet Beispiele für beide mögliche Antworten: ja oder nein.

Ich bleibe still, schaue zu. Widme mich jetzt meinem Bauch. Lasse die Frage dahin absinken. Warte in mich hinein.

Ein "JA" möchte geboren werden. Ich nehme es an. Wie mein Baby. Ja, ja, ja.

2. Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

Die Frage klingt nach höherer Mathematik, nach geforderten 100%. Und so ist es nicht gemeint. Egal ob ich nur 80 oder 150% finde, ich habe alles Recht der Welt, auch hier mit "ja" zu antworten, sollte das meine Antwort sein. Ich werde wieder still, schau der Frage zu, nehme sie in meinen Atem hinein, der meine Lungen und meinen Bauch tief füllt, von dort bis in meine Füße reicht.

Kann ich das sicher wissen? Kann ich? Sicher? Wissen? Dass er? Was macht? Rückzug? Kann ich? Wissen?

Ein "NEIN" taucht auf. Keine Beweise, keine Mathematik, nur ein Gefühl, dem ich vertraue. Und mir wird schon wieder etwas wärmer von innen. Ich genieße das noch ein wenig, bevor ich zu Frage 3 gehe, die mich wieder voll in den Gedanken hineinkatapultiert, die Giftspritze wieder freigibt:

3. "Er zieht sich von mir zurück."

Wie reagiere ich, was passiert, wenn ich das glaube?

Ja, ein Teil von mir glaubt es noch, trotz des schönen "nein"s von eben. Gut da nochmal hinzugehen. Hallo Gedanke.

Angst, Trauer, Verlust. Da sind sie wieder. Ich fordere innerlich von ihm Gegenbeweise, also dass er sich meldet. As schnell as possible. Nee, eigentlich schneller as possible.

Eine latente Übelkeit macht sich in mir breit, ich frage mich, ob ich ihm nicht besser zuvorkommen sollte, indem ich mich zurückziehe. Glaube, das könne mich vor Schmerz schützen, ich glaube diese Lüge tatsächlich. Verspanne meinen Körper, er verschwindet geradezu. Wo ist er?

Ich suhle mich in meinem Selbstmitleid, meiner Selbstgerechtigkeit, meinem Frust. Er wird zum Bösewicht, eigentlich ist er gerade niemand, den ich überhaupt sehen wollen würde.

All die anderen er's und sie's ziehen im Hintergrund vorbei. In einer Art stummen Parade, Beweise meiner Liebensunwürdigkeit. Ich sehe sie nur im Nebel und doch sind sie da und vereinen sich alle in ihm. Personifizierte Feindbilder.

4. "Er zieht sich von mir zurück". Wer wäre ich ohne diesen Gedanken?

Ich? Ohne "er zieht sich von mir zurück"? Er meldet sich nicht, fragt nach keinem Date, vielleicht sehe und höre ich mindestens ein paar Wochen nichts von ihm, vielleicht auch nie wieder. Und da soll ich ohne den Gedanken sein? Nein, sollen tu ich nicht. Ich darfs nur mal testen.

Ohne den Gedanken. Ich schaue auf das nicht läutende Telefon. Ohne den Gedanken. Auf das leere Handydisplay. Ohne den Gedanken. Seinen Account. Ohne den Gedanken. Er war online vor kurzer Zeit und keine Nachricht an mich. Ohne den Gedanken.

Ich löse mich von der Technik. Auch diese Frage schicke ich in meinem Körper, meine Visionen, meine Intuition. Ich atme. Werde still.

Der Atem wird länger, weniger bemüht. Ich spüre meinen Körper von innen, spüre Liebe. Zu ihm? Ja auch. Zum Leben, zu meiner Liebe, zu mir, zum Schmerz, zum Sein.

Der Gedanke ist nur noch ein transparenter heller Schatten. Ich schaue durch ihn hindurch und sehe mich.

Lebendig, geduldig, warm. Und ich sehe den Mann.

Freudig, vertieft, wundervoll.

Alles hat seine Zeit. Nähe und Distanz. Und es gibt keine Distanz. Nicht wirklich, nur die Abwesenheit eines Datums, einer Textnachricht, eines Anrufs, einer Verabredung.

Kehre den Gedanken um. Und finde Beweise für jede Umkehrung.

@ Ich ziehe mich von mir zurück.

Das ist das Gift, was in mich hineinträufelt, seit er da ist. Langsam stetig gebe ich Dinge auf, die mir lieb geworden sind, u.a. meine Ein-Sam-Keit, die Zeit, die immer so fruchtbare Samen trägt.

Auch in diesem Moment, wo ich über ihn nachdenke, anstatt bei mir zu sein.

@ Ich ziehe mich von ihm zurück.

Nur, weil er sich nicht meldet, mache ich quasi schon Schluß. Ich erlaube ihm nicht, zu sein, wie er ist. Er soll lieber so sein, wie ich ihn haben will.

Neulich waren wir zusammen und ich habe Distanz gespürt, in mir. Auch Angst, mich auf etwas "Falsches" einzulassen. Dabei fühlt es sich doch so richtig an. Da war der Rückzug. Angst vielleicht sogar vor dem Glück, womit er "droht"? Und während ich mich auf die "Technik" (Telefon etc.) konzentriere, kappe ich die innerliche Verbindung zu ihm. Lasse ihn stattdessen zum personifizierten Feindbild werden.

@ Er zieht sich nicht von mir zurück.

Ich weiß das einfach, jetzt wieder. Er ist nur gerade mental woanders.

@ Er bewegt sich zu mir hin.

Mit seinem Nicht-Melden gibt er mir und ihm Raum reinzufühlen, uns aufeinander zu freuen, uns immer wieder neu zu begegnen, neu zu verlieben.

Er schenkt mir den Samen der Ein-Sam-Keit.

@ HURRA! Er zieht sich von mir zurück.

Ich habe Zeit, den Rückzug vor mir selbst rückgängig zu machen. Ich habe Zeit für mich. Ich darf mich der Ungewissheit hingeben, vielleicht DIE Aufgabe meines Lebens.

Ein Atemzug. Ein Stück Liebe. Ein Wundertrank.

Eine Frau spürt so etwas.

Hallo Gedanke!

Text: Susanne Große-Venhaus

#ProjektSchamLos, liebens-lust.de

Foto: pixabay

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