Zwei- und dieselbe Geschichte.


Geschichte, die Erste. Ich glaube es nicht. Nicht schon wieder. Wenn mein Zweijähriger sich jetzt schon so aufführt, wie soll das erst in der Pubertät werden. Er tritt mich, mit seinen Füßen, mitten ins Gesicht!!!! Und egal wie ich darauf reagiere, freundlich erklärend, wütend beschimpfend, unter Einsatz von Strafmaßnahmen. Es nützt nichts. Er tut es immer und immer wieder. Und grinst mich auch noch frech an dabei. Habe ich als Mutter versagt? Jetzt schon?

Geschichte, die Zweite. Ach, wie süß. Ich schmilze dahin. Jetzt versucht er, mich mit seinen Füßen zu streicheln, schon wieder. Autsch, das hat weh getan. Die Koordination darf er wohl noch lernen. "Ach Schatz, ich hab dich auch soo sehr lieb und das tut mir weh, wenn du so feste mit deinen Füßen in meinem Gesicht landest." Mein Herz quillt über vor Liebe.

Geschichte, die einer Transformation. Seine Füße landen in meinem Gesicht, zum wiederholten Male, immer wenn er auf meinem Schoß kuschelt passiert das. Ich versteh es nicht, ich bin verzweifelt, mit meinem pädagogischen Latein am Ende. Eine Freundin empfiehlt mir The Work of Byron Katie. Ich verstehe zwar nicht, wie mir das helfen soll, aber in der Not frißt der Teufel ja bekanntlich Fliegen.

Byron Katie behauptet, jeglicher Streß, jegliches Leiden komme nur von unseren unhinterfragten Gedanken. Nun ja, wenn mein Kind mich tritt, dann ist das ziemlich real, nicht nur ein Gedanke finde ich.

Dennoch ich probiere es einfach. Folge ihren vier Fragen, die angeblich alles ändern sollen.

Der Gedanke (für mich ist es ein Fakt) ist klar:

*Er tritt mich mit Füßen.* Fragezeichen, viermal.

Die erste Frage lautet: "Ist das wahr?" Meine Antwort: "Ja."

Die zweite Frage fragt mich: "Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?" "Jaaaaaaa."

"Wie reagierst du, was passiert, wenn du das denkst?" fragt mich Frage 3. Also gut, schaunmermal: Ich zweifle an mir. Ich schäme mich, als Mutter zu versagen. Ich unterstelle meinem Zwejährigen böse Absichten gegen mich. Ich behandele ihn wie eine lästige Schmeißfliege und wie einen Verbrecher. Ich bedrohe ihn, ich fühle mich hilflos, verraten und verkauft. Es ist grauenvoll.

Und jetzt soll ich mir als nächstes eine völlig obskure Frage stellen. "Wer wärst du ohne den Gedanken?". Na klasse, er tritt mich mit seinen Füßen volle Pulle ins Gesicht und ich soll mir vorstellen, wie das wäre, wenn ich dennoch nicht denken könnte, dass er mich mit Füßen tritt?

OK, ich schalte slow motion ein. Schaue mir den Film nochmal an. Da ist ein Kind auf Mamas Schoß, es umarmt seine Mama und lächelt. Dann sieht man wie es ein Bein hebt und ein Fuß unsanft in Mutters Gesicht landet. Mutter zuckt. OK, Fakten. Aber er "tritt mich?" Hmm, irgendetwas geht auf. Wenn ich den Gedanken einen Moment beiseite schiebe, sehe ich sein Lächeln, seinen Fuß. Ich erinnere mich, wie oft er bei Tisch mit dem Fuß nach etwas "greift". Ich sehe ihn, wie alles an seinem Körper sanft und freundlich ist. Ich kann einfach keine Aggression finden. Und dann macht es auf einmal Klick und ich beginne zu verstehen, oder wie der kleine Prinz sagen würde, mit dem Herzen zu sehen. Er tritt mich nicht, er streichelt mich. Er hat ja die Hände nicht frei und überhaupt ist er noch so viel haptischer mit seinen Füßen. Alles in mir entspannt sich. Er liebt mich. Thats all. Geschichte, umgedreht. OK, versuchen wir es mal mit diesen komischen Umkehrungen, die ans Ende so einer Work gehören sollen. Es ist zunächst eine Grammatikübung, das fällt mir leicht. Dann soll man zu jedem umgedrehten Satz Beispiele finden. Mein Satz war: Er tritt mich mit Füßen. 1. Umkehrung ganz zu mir: Ich trete mich mit Füßen. Autsch, und wie, wenn ich ernsthaft glaube, mein Zweijähriger könnte bösartige Absichten mir gegenüber haben. Wenn ich gleich mein ganzes Mutter-Sein in Frage stelle. Wenn ich mein Kind aus Hilflosigkeit anbrülle. 2. Umkehrung durch Personentausch: Ich trete ihn mit Füßen Und nochmal autsch, ein heilsames Autsch aber: Wenn ich ihn abrupt von meinem Schoß reiße und anschreie. Wenn ich ihm jetzt schon unterstelle ein aggressiver Jugendlicher zu werden. Wenn ich nur die vermeintlichen "Fakten" (Fuß in meinem Gesicht) sehe und ihn dafür verurteile, anstatt mit dem Herzen zu schauen und seine Liebe zu sehen. 3. Umkehrung ins Gegenteil: Er tritt mich nicht mit Füßen. Bzw. Er streichelt mich mit Füßen. Ja, das ist sooo viel wahrer. Das Streicheln mißlingt und tut weh, und doch ist es als Liebesbekundung gemeint. Das verändert alles.

Geschichte. Neu geschrieben. Vor der Untersuchung ging das wochenlang so. Danach noch ca. 2 Mal. Jedesmal kam ein Schauer warmer Liebe über mich. Ich habe dann seinen Fuß geküßt, ihn meiner Liebe versichert und ihm mitgeteilt, dass ich das nicht besonders mag, wenn seine Füße in meinem Gesicht landen. Er hat es dann nie wieder getan.

Werbe-Pause.

Hast du auch Lust, eine freundlichere Geschichte zu schreiben? Vielleicht ist dann mein neuer Online-Kurs etwas für dich. "Was wäre deine Geschichte, ohne deine Geschichte?" Ich hab da auch noch ein paar Geschichten, die einer Sanierung bedürfen.. Ich freue mich darauf.

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